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Der Kern der Sache

 

Den Aufzeichnungen in unseren Mahlbüchern um 1918 kann man entnehmen, dass in dieser Zeit hauptsächlich Mais und Weizen zur Verarbeitung gebracht wurde. Weniger Gerste und Roggen und nur selten Hafer. Nirgends findet sich mehr Dinkel wie zu Beginn der Geschichte der Dünser Mühle. Als Urform des heutigen Weizens ging diese Getreideart aus den Wildformen Emmer und Einkorn hervor und war im 18. Jahrhundert ein wichtiges Handelsgetreide. Die genügsame Pflanze, die eigentlich einen geringen Anspruch an den Boden stellt ist jedoch mit schützenden Spelzen umhüllt. Diese machen das Korn zwar wetterhart und kaum anfällig für Schädlinge, müssen nach der Ernte jedoch aufwändig entfernt werden. Außerdem ist das Spelzgetreide schlecht zu verarbeiten und backtechnisch kompliziert. Und da die Ertragsleistung nicht beliebig gesteigert werden konnte, wurde Dinkel von einer Züchtung, die mittlerweile genetisch relativ weit von den in historischen Quellen genannten „Weizen“ entfernt ist, abgelöst. Zu feinstem Mehl und Dunst vermahlen, wurde Weizen vorwiegend für Brot und feine Backwaren verwendet. Die ältesten Nacktweizenfunde stammen aus der Zeit zwischen 7800 und 5200 v. Chr. Damit ist Weizen nach der Gerste die zweitälteste Getreideart. Doch lange blieb der Anbau hinter dem der Getreidearten Einkorn, Emmer und Gerste zurück. Erst durch das Weißbrot, das ab dem 11. Jahrhundert in Mode kam, etablierte sich der Weizen.

Von Kolumbus nach Spanien gebracht, entwickelte sich mit den schönen, goldgelben Maiskörnern bald von Venedig aus ein schwunghafter Handel in die östlichen Regionen des Mittelmeeres.   Zurück nach Italien kam Mais als „Türken“ = türkischer Weizen. Seit dem 17. Jhdt. gedeiht Mais wegen des feucht-warmen Klimas und durch die Begünstigung des Alpenföhns auch auf  kleinen Äckern an den sonnigen Hängen des Walgaus. An der Schwelle zum 19. Jhdt. hatte der Mais im Ganzen genommen den Dinkel, das bis  dahin wichtigste traditionelle Getreide Vorarlbergs, jedenfalls überflügelt und sich an die Spitze aller Getreidearten gesetzt. Er wurde damals hauptsächlich zu Grieß verarbeitet. Der daraus gekochte „Riebl“ ist einfach aber sättigend und war daher neben dem „Grießmus“  eine tägliche Mahlzeit der einfachen Leute. 

 

Roggen ist sehr pflegeleicht, ohne besondere Ansprüche an Boden oder Wetter und war deshalb  speziell auch für Bergregionen geeignet. Roggenmehl hält Feuchtigkeit länger als Weizenmehl und wegen seines geringen Kleber-gehaltes mischte man es oft mit anderen Brotgetreiden, um daraus haltbare   Sauerteigbrote zu backen. Damals wie heute wird Roggenbrot als schmackhaftes „Volksbrot“ geschätzt und das Korn galt auch als wertvolles Viehfutter.

 

Auch die Gerste gedeiht gut in hohen Lagen da sie sehr robust ist und auch harte Winter überlebt. Von der wilden Gerste abstammend, wurde dieses Getreide vermutlich am frühesten von allen Getreidearten in Kultur genommen. Daraus stellte man zwar kein Brot her, da das Korn über sehr wenig Backfähigkeit verfügt, dafür aber einen sättigenden Brei und gehaltvolle Suppen und Eintöpfe. Zudem wurde es als ertragreiches Viehfutter geschätzt.

 

Als fettreichstes Getreide wurde der Hafer als Energielieferant früher sehr geschätzt. Bis sich die Kartoffel im 18. Jhdt. durchzusetzen begann, war Haferbrei sogar eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel in Europa. Da der Hafer aber weniger ertragreich und nicht so einfach zu ernten ist wie Ährengetreide, schenkte man ihm immer weniger Beachtung und so diente Hafer hauptsächlich als Futtermittel. Vermutlich war es auch der Hafer, dessen Samen der Mensch in grauer Vorzeit häufig gesammelt und in seinen Speiseplan integriert hat, ohne ihn gezielt anzubauen. Daher ist der Hafer jene Getreideart, die ganz zuletzt Opfer der menschlichen Züchtung wurde, so dass er auch heute noch zu den ursprünglichsten Gräsersamen gehören dürfte.

 

In alten Zeiten verwendeten Hebammen das Mutterkorn zur Beschleunigung der Geburt oder gar für Abtreibungen, daher der deutsche Name. Die in der länglichen, kornähnlichen Dauerform des Mutterkornpilzes enthaltenen Alkaloide sind jedoch hochgiftig und besonders kurz vor der Ernte können bereits kleine Mengen tödlich sein. Häufig betroffen ist dabei Roggen, weil er als Fremdbefruchter lange offen blüht, um fremde Pollen aufzufangen. Ein nasses Frühjahr und ein heißer Sommer, eigentlich schlecht für den Ertrag, begünstigt den todbringenden Pilz. Und so kam es, dass im frühen Mittelalter in Zeiten schlechter Ernte das Getreide besonders verunreinigt war. Und gerade nach Hungerperioden, wenn frisch geernteter Roggen sofort verzehrt wurde, führte die Verseuchung von Brotgetreide mit Mutterkorn zu verheerenden Epidemien.

 

Die zuerst für eine ansteckende Krankheit gehaltene „Kriebelkrankheit“ – der mittelalterliche Name beinhaltet das „Kribbeln“ der Gliedmaßen, dass ihr Absterben ankündigt, wurde auch „Antoniusfeuer“ genannt, da sich besonders der Orden des heiligen Antonius der Erkrankten annahm. Aufgrund der sorgfältigen Ernährung, die sie in deren Obhut erhielten, gesundeten tatsächlich viele. Aber erst im 17. Jahrhundert erkannte man den Zusammenhang der Krankheit mit dem Getreidepilz und man sprach auch vom Mutterkornbrand. Mitte des 18. Jahrhunderts ergriff der Gesetzgeber dann gesundheitspolitische Maßnahmen gegen den Verzehr des verunreinigten Getreides. 

Nachdem die Ursache der Vergiftung erkannt worden war, begann man auch die Wirkstoffe des Mutterkorns - Ergotalkaloide - zu erforschen und medizinisch einzusetzen. Denn bekanntlich macht die Dosis das Gift. Beispielsweise blutstillend nach der Geburt oder gegen niedrigen Blutdruck und Schwindel nach dem Aufstehen oder Migräne. Ebenso kann aus dem Pilz Lysergsäure gewonnen werden, aus der wiederum die Droge LSD hergestellt wird. Nach Hofmann und Wasson (1978 The Road to Eleusis) war allerdings schon 2000 Jahre vor Christus bekannt, dass nur die natürlich vorhandenen psychoaktiven Lysergsäurealkaloide wasserlöslich waren, und es wurden damit berauschende Getränke gebraut, die die unerwünschten Effekte der anderen Alkaloide umgehen.

 

Den Brüdern Grimm zufolge könnte der Name Mutterkorn aber auch mit den alten volkstümlichen Bezeichnungen „Kornmutter“ und „Roggenmutter“ für Winde, die Kornfelder zum Wogen bringen und bewirken sollen, dass dort Mutterkorn wächst, zusammen hängen.

 

Im Wogen des Korns wurde in alten Zeiten nämlich oft die Anwesenheit eines Korndämons gesehen. Neben dieser indirekten Erscheinungsform gibt es auch wesentlich konkretere Vorstellungen über ihre Gestalt. Diese reichen von menschlicher bis zu tierischer Gestalt, können sowohl männlich als auch weiblich sein und treten unter vielerlei Namen auf. Korndämonen wie die Kornmutter haben ihren Ursprung in früheren Vegetationsgöttern agrarisch orientierter Völker. Sie wurden angebetet, damit sie die Feldfrüchte schützen und fördern. Die Anfänge von Erntebräuchen verlieren sich jedoch oft im Dunkel der Geschichte, auch wenn es in historischen Quellen manchmal eine erste schriftliche Erwähnung gibt. Bereits in frühchristlichen Konzilen wurde diese Naturverehrung verunglimpft, als „heidnisch“ diffamiert und Menschen, die die Naturreligion weiterhin pflegten, mit üblen Strafen verfolgt oder gar zum Tode verurteilt. Trotz aller Drohungen ließ man jedoch noch lange nicht vom alten Glauben mit seinen Riten ab. Eine Erinnerung an Opfergaben für solche Naturgeister dürfte sich auch in den Alpenregionen bis in die Neuzeit erhalten haben, denn der Korngeist als letzte Garbe war noch lange ein urtümlicher Erntebrauch, verknüpft mit Ritualen und mythischen Geschichten. Dabei wurden bei der Ernte die letzten Ähren zusammengebunden und verblieben auf dem Feld. In diesen Gebinden sah man früher den Geist des Kornfeldes versinnbildlicht. Im Lauf der Zeit verschwand jedoch die ursprüngliche Bedeutung und durch das Christentum wurden Korngeister dämonisiert. Sie dienten nun als Schreckgestalt der deutschen Sage dazu, Kinder vom Betreten und Zerstören der reifenden Felder abzuhalten. Geschichten über Korngeister kamen so auf literarischem Weg auch in den alemannischen Raum zurück und verschmolzen mit den Erzählungen über die verbliebenen Alpgeister.

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